LEPERIBEN: WIR VERGESSEN NICHT
Eine Ausstellung von Roma-Künstlern in Prag und Nürnberg rief den Holocaust an den Sinti und Roma in Erinnerung. Unser Projekt des Monats August.

Das Wort „leperiben“ bedeutet auf Romani „Erinnern“ wie auch „Gedächtnis“. Diesem eine visuelle Form zu geben, war das Anliegen mehrerer deutscher und tschechischer Künstler mit Sinti- und Roma-Wurzeln, die, jeder auf seine Weise und mit seiner eigenen künstlerischen Handschrift, aufzeigten, welche Folgen der Rassismus der Nazis für die Minderheit der Sinti und Roma hatte. Ihre Werke erinnerten an die Opfer des Holocaust, spiegelten die Erfahrungen der Überlebenden wider und warnten zugleich vor heutigen Erscheinungsformen von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Die gemeinsame Ausstellung griff unser Thema des Jahres 2025 auf und zeigte, wie die heutige Generation der Sinti und Roma nach 80 Jahren die Folgen des Zweiten Weltkriegs wahrnimmt.


Konzipiert wurde die Ausstellung von der Kuratorin Tamara Moyzes, die sich seit langem dafür einsetzt, die Kultur und Eigenständigkeit der Roma-Bevölkerungsgruppe sichtbar zu machen. Sie ist Gründerin der Galerie Artivist-Lab, einem Labor für engagierte Kunst. Die Galerie konzentriert sich insbesondere auf aktuelle Themen, sie unterstützt Minderheitengruppen, stellt Verbindungen zwischen Kunstschaffenden und gemeinnützigen Organisationen, Fachleuten oder Medien her. Hier finden Diskussionen, Vorträge, Workshops und Ausstellungen statt, mit dem Ziel, aktive Menschen aus verschiedenen Bereichen zu vernetzen und auf diese Weise die Zivilgesellschaft mitzugestalten.


In der Galerie Artivist-Lab, die sich in den Räumlichkeiten des Kulturzentrums Campus Hybernská im Herzen Prags befindet, war die Ausstellung LEPERIBEN: WIR VERGESSEN NICHT von August bis Ende Oktober zu sehen. In Verbindung mit der Ausstellung fand u. a. eine Namensverlesung von Holocaust-Opfern der Sinti und Roma statt, eine nächtliche Performance erinnerte an die Liquidierung des sogenannten „Zigeunerlagers“ in Auschwitz in der Nacht vom 2. zum 3. August 1944. Ergänzt wurde die Ausstellung zudem durch einen Vortrag und eine Filmvorführung über das Roma-Konzentrationslager in Lety bei Písek. Im September verlagerte sich das gesamte Projekt dann nach Nürnberg, wo es vom Kunstverein Edel Extra präsentiert wurde. Den Abschluss bildete eine öffentliche Diskussion mit Kunstschaffenden über die Wahrnehmung des Holocaust an den Sinti und Roma aus heutiger Perspektive.


Eine weitere Dimension des Projekts waren Bildungsaktivitäten für Studierende von Kunsthochschulen. Kommentierte Führungen, Begegnungen mit Sinti- und Roma-Künstlern und Diskussionsrunden beleuchteten die nationalistische und rassistische Stimmung in der Vorkriegszeit und deren Eskalation in der Tragödie des Holocaust. In einer Zeit, in der in europäischen Ländern rechtsextreme Parteien erstarken und der Hass gegenüber Minderheiten zunehmen, wirkten sie damit zugleich als Prävention gegen aktuelle Formen der Diskriminierung.


Das Projekt LEPERIBEN: WIR VERGESSEN NICHT stieß nicht nur bei den Besuchern, sondern auch in den Medien auf positive Resonanz. Teil des Projekts war auch eine Podcastserie mit Künstlergesprächen, die von der Roma-Journalistin Jarmila Balážová moderiert wurden. Die Geschichte jeder einzelnen Person drehte sich dabei um Identität, Erinnerung und visuellen Widerstand.
An dem Projekt beteiligte sich auch die Künstlervereinigung ARA ART, die alljährlich einen Gedenkakt für die Roma-Opfer des Holocaust und eine visuelle Performance ihrer zum Schweigen gebrachten Stimmen veranstaltet. Die Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut brachte zudem Schulklassen in die Galerie Artivist-Lab. Die Ausstellung fand großen Anklang im öffentlichen Raum. Sie eröffnete einen Dialog zwischen der Mehrheitsgesellschaft und der Minderheit der Sinti und Roma und schärfte das Bewusstsein für ihre Geschichte und Kultur wie auch für ihre aktuelle Situation.
Die Ausstellung LEPERIBEN: WIR VERGESSEN NICHT war ein lebendiges und provokatives Event, das allen von den Nazis zur Vernichtung bestimmten Sinti und Roma mittels Kunst wieder eine Stimme gab. In Prag wie auch in Nürnberg haben die Roma-Künstler gezeigt, dass Erinnerung nicht Vergangenheit ist, sondern ein Instrument heutigen Widerstands.


